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Dienstag, 28.06.2016

Ausführlicher Bericht über Vortrag beim Geowissenschaftlichen Verein NB am 23.6.2011

Thema des Vortrags von Martin Zühlke, Geologe der Gazprom Germania GmbH, waren die Erkundungsarbeiten der Gazprom für einen geplanten Erdgas-speicher in Hinrichshagen. Im Anschluss daran wurden zahlreiche Fragen, v.a. zum in unserer Region geplanten Speicher gestellt und mehr oder weniger beantwortet.

Eine Zusammenfassung der zweistündigen Veranstaltung:

 

Zu Erdgasspeicherung allgemein:

·        2010 wurden in Deutschland 124 Mrd. kWh ( =TWh = Terawattstunden) Erdgas gefördert und 957 TWh importiert, das sind in Summe ca. 110 Mrd. m³ Erdgas.

32 % des importierten Gases stammen aus Russland, 28 % aus Norwegen.

·        Es gibt bereits 47 Erdgasspeicher in Deutschland, davon 60 % Poren- und 40 % Kavernenspeicher.

Diese Speicher haben bereits insgesamt ein Arbeitsgasvolumen von 21,3 Mrd. m³, das sind ca. 20 % des deutschen Jahresverbrauchs.

Kommen alle bis jetzt im Bau und in Planung befindlichen weiteren Speicher dazu, erreicht man ein verfügbares Volumen von 34 Mrd. m³, also ~ 30 % des Jahres-verbrauchs.

·        Nur ein Teil des eingespeicherten Gases kann zum Verbrauch wieder ausgespeichert werden. Bis zu 45 % bleibt für immer in der Erde und sichert als „Kissengas“ den erforderlichen Mindestdruck.

·        Die Nordstream-Pipeline hat eine Kapazität von 57 Mrd. m³/Jahr.

·        Erdgasspeicher sollen der „Versorgungssicherheit“ dienen, das heißt im Fall von Havarien oder politischen Turbulenzen einen Puffer bieten und Verbrauchsschwan-kungen (z.B. Sommer/Winter) ausgleichen.

Kavernenspeicher können dabei schneller reagieren als Porenspeicher. Strategisch besonders interessant für Gazprom ist eine dicht beieinander liegende Kombination aus beiden Speicherarten – so wie in der Feldberger Seenlandschaft + Wesenberg vermutet.

·        Mecklenburg-Vorpommern ist für die Gazprom als Absatzmarkt uninteressant. Der bei uns geplante Speicher wird von Herrn Zühlke als „strategischer Speicher“ für „Gesamtdeutschland und Westeuropa“ bezeichnet!

·        Laut Zühlke ist die Zielsetzung der Gazprom, unabhängig von Speichern anderer Unternehmen zu sein. Auch wenn bereits riesige Vorratsmöglichkeiten in Deutschland existieren, sucht das Unternehmen nach mehr eigenen Speichern, um seine Vormachtstellung auf dem Gasmarkt auszubauen.

·        In Erkundungs- und Bauphase wird ein dichtes Netz von seismischen Unter-suchungspunkten abgearbeitet (ca. alle 30 x 180m) und es werden mehrere Bohrplätze á 2.000 – 3.000 m² benötigt.

·        „Obertageeinrichtungen“ für Speicher nehmen ca. 4 ha Fläche ein mit Anlagen für Kompression, Aufheizung, Kühlung, Trocknung des Gases.

·        Außerdem werden Sondenplätze angelegt, an denen das Gas mit dem in der Kom-pressorstation erzeugten Druck ein- bzw. wieder ausgespeichert wird. Eine Sonde ist ein Rohr in die Erde, an der Oberfläche gibt es einen Bohrlochkopf, Sicherheits-ventile und die Anbindungsleitung.

·        Gazprom rechnet mit einer Speichernutzungszeit von mind. 30 Jahren, damit es wirtschaftlich ist. Weiter als 30 Jahre sei „schwer zu denken“.

Ein aufgegebener Speicher müsste nach strengen Anforderungen rückgebaut und in verschiedenen Schichten mit Zement verfüllt werden (damit kein Restgas austritt).

[Sind diese Strukturen damit für eventuelle alternative Nutzungen verbaut?!]

 

Zu Erkundungsarbeiten allgemein:

·        Die „3 Säulen der Speichererkundung“ sind:

o       Seismische Kartierung

o       Loch- und Kernanalyse (mit Probebohrungen)

o       Geodynamische Tests an den Bohrungen

·        Seismische Untersuchungen werden entweder mit Hilfe von Vibratoren vorgenom-men – große LKWs drücken eine Art „Stempel“ auf die Erde, der Vibrationen in die Erde sendet, deren Reflektionen an Schichtgrenzen mittels in die Erde gesteckten Mikrofonen gemessen werden.

 Wo dies wegen unwegsamem Gelände nicht möglich ist (z.B. im Wald), wird  Sprengseismik angewandt: durch Kupferrohre oder im offenen Loch werden  Sprengungen in 10 – 12m Tiefe zur Signalerzeugung vorgenommen und wiederum die Reflektionen gemessen.

Anschließend wird ein geologisches Modell erstellt, Berechnungen daran ausgeführt und „interpretiert“.

  • Die seismischen Untersuchungen sind nicht während der Brunftzeit und während der  Vogelbrutzeit erlaubt. Biotope und Bodendenkmäler müssen umgangen werden.

  • Bohrungen werden von 2.000 – 3.000 m² großen Bohrplätzen (Bohrturm, Zentrifuge, Container für Service und Büro …) vertikal und schräg gebohrt, z.T. mehrere Bohrungen von einem Platz aus.
  • Erdgasporenspeicher brauchen eine ausreichende Mächtigkeit und Porösität des Speichergesteins, eine ungestörte dichte Deckschicht und darüber einen sogen. „Indikatorhorizont“ zur Beobachtung, sollte doch Gas in höhere Bereiche vordringen.
  •  Jeder betroffene Grundstückseigentümer muss sein Einverständnis erklären.

 

Zu Hinrichshagen (H.):

  • H. ist eine Natur- und Tourismusregion, auch hier waren Schutzgebiete (z.B. Natur-park Mecklenburgische Schweiz, Moore, Schreiadlerbrutplätze usw.) betroffen.

Wesentlichen Widerstand habe es dort nicht gegeben, sondern „hohe Akzeptanz“ bei Bevölkerung und Behörden. Es habe viel Öffentlichkeitsarbeit gegeben.

  • Es ging um ein Erkundungsgebiet von 58,6 km² -  nur gut ein Viertel von der bei uns geplanten Fläche!
  • Gazprom investierte 20 – 30 Mio. Euro in die Erkundung.
  • Nach Vorerkundungen dachte man, die geologische Struktur sei für die Speicherung geeignet und hätte nur unwesentliche Störungen.
  • Von August – Oktober 2008 wurden in den weiteren Erkundungen 11.000 Punkte seismisch untersucht, davon 1.800 (!) mittels Sprengseismik.

Auf gedachten Linien, deren Abstand 180m betrug, wurde alle 30m ein Punkt gesetzt.

Das 3D-seismische Modell brachte fundamentale Änderungen des Strukturbildes, deutliche Störungen der Antiklinalstruktur wurden sichtbar!

  • H. ist demnach nur „in Teilbereichen als Erdgasspeicher geeignet“, könnte 900 Mio. m³ Gas aufnehmen, davon 500 Mio.m³ Arbeitsgas.

Dies erfüllt nicht die „strategischen Anforderungen der Gazprom“ (das 5–10fache Volumen wäre angestrebt, um 1-2 Wochen Lieferausfall auszugleichen).

Außerdem wären weitere Nachuntersuchungen nötig, auch wenn man es für andere Zwecke nutzen wollte (wie CO2).

  • Die 3 getätigten Bohrungen gingen in H. ca. 750 m unter Gelände [in der FSL ist der Speicherhorizont in 1850 – 2300m Tiefe geplant!].
  • Es wurde eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt und eine „ökologische Baubetreuung“ hinzugezogen, die aufpasste, dass keine Biotope betreten wurden und die eine „nachhaltige Beeinträchtigung der Natur“ verhindern sollte. Für etwaige Schäden (z.B. auf landwirtschaftlichen Flächen durch Vibratoren) gäbe es „Aus-gleichsmaßnahmen“.
  • Die Erkundungen in H. wurden vorerst eingestellt, der Bohrplatz wird aber noch nicht rückgebaut.
  • Wäre eine Eignung denkbar gewesen, hätte es 4-5 weitere Bohrplätze gegeben mit ca. 15 Bohrungen.

 

Zu Publikumsfragen (soweit noch nicht oben eingearbeitet):

  • Die Umweltverwaltung des Landkreises fragte nach der Berücksichtigung natur-schutzrechtlicher Dinge sowie nach dem „wohin“ des „verpreßten“ Wassers im Porengestein bzw. des Salzwassers aus dem Kavernenspeicher Wesenberg.
    • Zum Naturschutz verwies Herr Zühlke auf das Betriebsplanverfahren und die Auflagen der Behörden. Die Einwände der regionalen Stellen im bisherigen Beteiligungsverfahren wären ihm bekannt. Darauf müsste in den Betriebs-plänen besonders eingegangen werden, „um die Chancen aus unserer [Gaz-proms] Sicht zu erhöhen“.

An anderer Stelle war die klare Aussage, dass Gazprom sich zunächst nur nach aus geologischer Sicht geeigneten Strukturen umsieht, Umwelt- und Regional-strukturdinge spielen in Gazproms Überlegungen zunächst keine Rolle.

    • Das Wasser des Porengesteins würde zu den Seiten und nach unten verdrängt, ein Teil des Druckes würde „durch die Kompression des Gebirges auf-genommen“. Der Kompressionsdruck des Wassers sei gewünscht als Gegen-druck für die Wiederausspeicherung. Das Wasser käme nicht an die Oberfläche, wird verdrängt und fließt zurück (Einspeicherung/Aus-speicherung).

Salzwasser aus Kavernen (Wesenberg ist ein ehemals zur Kerosin-/Dieselspeicherung genutzter Kavernenspeicher) könnte in der Umgebung über weitere Bohrungen wieder verpreßt werden. Will man den Druck nicht unnötig erhöhen, könnte es  als Brauchwasser zur Solung des Speichers eingesetzt wer-den und wieder zurückgepreßt werden.

  • Landrat Kärger wies darauf hin, dass Gazproms Pläne für die von Tourismus geprägte Region keinen Nutzen brächten und die Menschen berechtigte Angst vor den Folgen hätten.
    • Herr Zühlke: es gäbe nicht viele geeignete Strukturen, in Norddeutschland hat Gazprom ein Ranking von 90 Strukturen aufgestellt, in dem Triepkendorf gut dastehe, deshalb wurde es „bergrechtlich gesichert“. Bei Bewertung und Ranking wurde „geologisch“ herangegangen und sich nicht nach Strukturen an der Oberfläche gerichtet.

„Die Belastungen sind natürlich vorhanden, das ist völlig klar.“ Allerdings seien sie zeitlich und räumlich begrenzt. (Für Erkundungen in Hinrichshagen, [also ein wesentlich kleineres Feld]: 2 Monate Seismik + 6 Monate Probe-bohrungen.) Seismik könne nur in den Wintermonaten ca. Dezember – Februar durchgeführt werden, zwischen Brunftzeit des Wildes und Vogelbrutzeit [Widerspruch: tatsächlich wurde sie lt. Zühlke August bis Oktober gemacht]

Nach Beendigung einer Bohrung bleibt der Bohrplatz, ggf. für einen Sonden-platz.

  • Auf die Frage nach der zu befürchtenden Geräuschkulisse der Kompressoren kommt keine klare Antwort und der Verweis auf eine „Einhausung“.

Ob der Speicher tatsächlich hierher käme, sei ja noch nicht klar. Auch im nördlichen Brandenburg werden Optionen untersucht, die Struktur um Himmelpfort sei bereits bergrechtlich gesichert.

  • Fragen zu Sicherheitsrisiken (z.B. Unfall bei Überprüfung eines Sondenplatzes des Berliner Gasspeichers) beantwortete Herr Zühlke ausweichend. Größere Havarien seien nicht vorgekommen.

„Wo Gasleitungen verlaufen, eh, im Prinzip ist es möglich, eh, dass, eh, sag ich mal, durch irgendwelche Havarien, aber es ist hier auch der Einzelfall, der so bekannt ist“.

Die Haftung im Havariefall? – Er sei kein Jurist.

Speicher werden so gebaut, „dass im Prinzip nichts passieren kann. Wir wissen alle, dass ein gewisses Restrisiko wahrscheinlich bleibt …“. Es gäbe aber diverse Ventileinrichtungen. Der hydrostatische Druck auf das Gebirge würde um nicht mehr als 10-30 % erhöht, damit keine Störungen provoziert würden.

Der „GAU“ - das Schlimmste, was Herr Zühlke sich vorstellen könnte – wäre das Versagen aller Ventile an einer Bohrung, wodurch das Gas unkontrolliert ausströmen könnte und dann eine Entzündung dieses Gases.

  • Frage nach den Auswirkungen des max. Speicherdrucks von 265 bar (lt. Gazprom-Antrag): dies wäre ja nur saisonal bei Einspeicherung, hängt von Gesteins-eigenschaften ab, müsste über Modelle vorausberechnet werden.
  • Was gedenkt Gazprom gegen den zu erwartenden Imageschaden für die Region zu tun?:

Gazprom arbeitet sehr am eigenen Image mit Sport- und Kulturförderung. Am Schaden für uns zweifelt Herr Zühlke. Vielleicht wäre die Anlage ja auch touristisch interessant. Außerdem würden lokale Unternehmen in der Bauphase profitieren und Arbeitsplätze geschaffen [Erfahrungen z.B. an der OPAL-Baustelle besagen das Gegenteil!]. Die Infrastruktur würde gefördert (der Nachfrage hierzu wurde ausgewichen).

  • Könnten in Hinrichshagen andere Dinge gespeichert werden?:

Für Wasserstoff und Druckluft würden sich Kavernen besser eignen, CO2 wäre in der Struktur nach Nachuntersuchungen evtl. möglich, aber CO2-Speicher seien für MV ja kein Thema [woher hat er das?!]

  • Welche Anlagen wären noch nötig, wenn Speicher eingerichtet würde?:

Sondenplätze (in Hinrichshagen rechnete man mit 15 Plätzen) und Anschlussleitungen zur Hauptleitung.

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Aufruf zur Protestwanderung

„Wir von der Bürgerinitiative "Freie Erde - kein Gas unterm Gras" rufen für den 25. Juni 2011 zu einer Protestwanderung auf.


Unter dem Motto "Kein Pulverfass unter unseren Füßen!"wollen wir in der Nähe der mutmaßlichen Tiefen-Bohrungen gegen die Absicht von Gazprom Germania protestieren, in den Sandstein unter der Feldberger Seenlandschaft riesige Mengen Erdgas zu pressen, als Reserve für Westeuropa.

Wir wollen bereits erste Erkundungen unter dem Naturpark und dem Müritz-Nationalpark verhindern. Die Erklärung von Gazprom, gegenwärtig keine Bohrungen zu planen, beruhigt uns nicht.

Wir befürchten mit Blick auf ähnliche Projekte anderenorts Risiken und Schäden: Versalzung des Grundwassers und der klaren Seen, tektonische Verschiebungen und Zerstörung der Wälder.

Noch dazu ist ein Erdgasspeicher keine "Brückentechnologie", wie oft behauptet, sondern führt in eine Sackgasse: auf dem Ergaspolster in der Tiefe könnten sich alle ausruhen, die die Wende zu erneuerbaren Energien nicht wollen.

Wir laden alle Bürgerinnen und Bürger und Freunde der Feldberger Region sowie alle Politiker ein, mit uns von Triepkendorf zur Kreuzung am Sägewerk Koldenhof zu wandern oder zu radeln.

Treffpunkt: 11.00 Uhr am Gasthof Tenzo in Triepkendorf
12.00 Uhr Kundgebung an der Kreuzung Sägewerk Koldenhof“

 

… für interessante Redebeiträge wird ebenso gesorgt wie für Getränke (falls es heiß wird)

 

 

Auf einen fröhlich-lebhaften, naturfreundlichen 25. Juni und auf alle weiteren Begegnungen freut sich die Bürgerinitiative „Freie Erde – Kein Gas unterm Gras“!

Im Auftrag der BI – Almut Eschenburg

 

Feldberger Seenlandschaft, 2. Juni 2011

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